Mit der Kraft der Sonne die Dreidimensionalität ohne Grenzen kennen lernen...
 
Um einen Eindruck vom Segelfliegen zu bekommen, sollte man sich am besten einen ganzen Tag Zeit nehmen und ein Segelfluggelände aufsuchen. Wem das zuviel Aufwand erscheint, der möge sich jetzt auf gläsernen Flügeln davontragen lassen, ohne Geräusch eines Motors, nur mit der Kraft der Sonne, mit der Freude an der dreidimensionalen Bewegung im Raum und mit dem Gedanken, sich über die Zweidimensionalität unseres Erdendaseins vom Boden zu erheben, frei wie ein Vogel.
 
Bevor man jedoch diese fast uneingeschränkte Freiheit genießen kann, sind auf dem „Boden der Realität“ noch viele Schritte zu tun, um ein so elegantes Sportgerät mit dem Piloten in die Luft zu entlassen.
Noch sind die Hallentore geschlossen, und die Superorchideen, so nennt man in Segelfliegerkreisen die aus Karbon- oder Glasfaser hergestellten Segelflugzeuge, werden auf das Hallenvorfeld geschoben, mit Leinen sorgfältig abgedeckt, um jeglichen Staub fernzuhalten. 
 
Es folgt eine starke Beschleunigung
 
Hilflos wie Mauersegler blitzen die Flugzeuge in der aufgehenden Sonne. Der leichte Morgennebel erhebt sich langsam. Die Einstrahlung wird mit jeder Stunde kräftiger. Helle Südseiten an Berghängen erwärmen sich rascher als der Boden im Tal. 
 
Kleine Wolkenfetzen, so genannte Cumulus, behaupten im hellen Blau ihren Standort, werden weniger und vergehen wieder. Untrügliche Zeichen für den Piloten, die letzten Vorbereitungen für den Start zu treffen. Wenn endlich das Windenstartseil eingeklinkt ist und der Tragflügel von einem Kameraden waagrecht gehalten wird, folgt rasch eine starke Beschleunigung, die Maschine holpert einige Meter über die Graspiste, und nun geht es mit leisem Rauschen steil, sehr steil zum Himmel empor. Fast 600 Kilogramm werden von einer Winde mit 300 PS förmlich in die Luft katapultiert. Der Mensch bändigt diese unheimliche Kraft, das Segelflugzeug setzt sie in Höhe um. 

Alles um uns wird kleiner, so überschaubar einfach wirkt jetzt unser Lebensraum. Mein Fluggast und ich sitzen in einem Hochleistungs-Zweisitzer mit einer Flügelspannweite von 18 Metern. Wir steigen auf in eine für mich sehr vertraute Welt, eine Welt aus Wind, Wolken und uns. 
 
Der Steigflug, wir hängen noch immer am Seil der Winde, wird allmählich flacher, ich klinke aus, und wir sehen nun auch vor uns wieder die Erde.
 
Wir kreisen im "Bart"
 
Dreihundert Meter über dem Erdboden steuere ich den Segler mit ca. 120 km/h in Richtung eines Hanges, wo ich mir leichten Aufwind erwarte. Das Flugzeug lässt sich exakt und leicht fast wie eine Verkehrsmaschine steuern. Mit dem Steuerknüppel manövriert man die Maschine über Höhen- und Querruder, unter Zuhilfenahme der Seitenruder, die man mit den Füßen betätigt, in alle Richtungen im Raum. Präziser und mit mehr Action als es ein 3D-Spiel jemals vermitteln kann. 
 
Meinen Fluggast überkommt kein Schwindelgefühl, wie vielleicht auf einem Turm. Die Kabine des Flugzeuges verleiht ihm Sicherheit und Halt. „ Die volle Action!“, meint er überwältigt, „wann geht es endlich höher!“
Plötzlich scheint es, als wolle uns der erste starke Aufwind aus der Bahn schleudern zu wollen, doch einige Steuerbewegungen mit den Rudern können uns nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Um in diesem Aufwind („Bart“) zu bleiben, muss man ständig eine Kurve fliegen, dann ist es soweit: Unwillkürlich will man sich dagegen stemmen, dagegen ankämpfen, dass die Erde plötzlich schief steht. Bewusst versuchen wir jedoch, uns gemeinsam mit dem Segler zu bewegen, eins mit ihm zu werden, so entsteht das Gefühl einer Bewegung im Raum, wie es kaum ein Verkehrsmittel am Boden je nachvollziehen kann.
 
Ein riesiger Stein im Luftstrom
 
Inzwischen hat uns der Aufwind in eine Höhe von 2000 m gebracht, eine gute Ausgangsposition, um den nächsten großen Gebirgszug zu erreichen. Mit einem leichten Druck auf den Steuerknüppel nach vorne beschleunigt der weiße Segler auf mehr als 250 km/h und bewegt sich ständig leicht abwärts. Da die Geschwindigkeit natürlich auf Kosten der Höhe geht, kommen wir unter dem Bergrücken des mächtigen Massivs an. Die leichte Föhnwetterlage gibt uns die Möglichkeit in Höhen zu gelangen, die bei „Normalwetterlagen“ nie zu erreichen wären. Mein Fluggast ist überwältigt. „Das ist ja, also Wahnsinn!“, stammelt er und staunt nurmehr vor sich hin.
 
Als würde man in einen ruhig fließenden Strom einen riesigen Stein hineinwerfen, genauso kommen auch die Luftmassen in eine Wellenbewegung, an deren Vorderseite sich der Segelflieger bis 16 000 m emportragen lassen kann. 
Unser Höhenmesser zeigt jedoch auch bereits 4000 m an, Sauerstoff wird bereits gesetzlich vorgeschrieben. Um nicht höher zu steigen, werden die Störklappen herausgenommen, und das feine Instrument zeigt uns, dass das Flugzeug mit 3m/sec. in die Tiefe sinkt, genau so schnell, wie wir kurz vorher noch gestiegen sind. Es scheint, als würde die Welt in dieser Höhe unter uns verharren, uns zu beobachten, den winzigen Punkt am Himmel, der vor einigen Stunden in der Halle gestanden ist , um darauf zu warten , endlich mit Menschenhilfe in die Luft zu gelangen. Unser Kurs ist nun Micheldorf in Oberösterreich, für mich eines der „schönsten Fleckerl“ zum Fliegen. 
 
Naturvorgänge vorausschauend beobachten können
 
Klar ist die Aufschrift am Dach der Halle zu erkennen. Wir genießen das sachte, ruhige Gleiten über der Welt. Doch nach einigen Kurven mit ganz ausgefahrenen Störklappen berührt das Flugzeug weich den Boden und rollt langsam aus. Erst jetzt, beim Verlassen der Superorchidee merkt man, welche Schönheit, welchen wunderbaren Einblick uns dieser Flug über den Alpen vermittelt hat.
 
Flieger zu werden ist eine Entscheidung, die wohl überlegt werden muss. Fast jeder, der nach einem Rundflug aus der Maschine steigt, erkundigt sich mit großem Interesse nach Möglichkeiten, diesen wunderschönen Sport zu erlernen. Jedoch stellen sich leider oft schon die ersten nachdenklichen Mienen ein, wenn man erfährt, mit welcher Mitarbeit und gegenseitiger Hilfe bei den Werkstättenarbeiten der Segelflugsport verbunden ist. Segelflieger brauchen viel Einsatzwille, Idealismus, Zeit und Kameradschaft. Der sensible, kreative Charakter eines Menschen, der vorausschauend Naturvorgänge beobachten und daraus Schlüsse ziehen kann, macht den Segelflieger aus. Alle diese Eigenschaften haben wir in uns, man braucht sie nur zu wecken. 
 

 

Go to top